Nun kurz nach dem Weihnachtsfest mit Vanillekipferln, Glühwein und Lebkuchen und zwar garantiert keinem Schnee, aber doch etwas kühleren Temperaturen, schaffe ich es nun, über meine warme Zeit fern weg von Weihnachtsmarkt und Wintergefühlen an der Stanford University in Kalifornien zu berichten.
Denn einige werden es mitbekommen haben, sicherlich auch durch meine ungewöhnlich vielen Bilder auf Instagram in den letzten Monaten von mir oder den vielen Commits auf meinem GitHub: Diesen Sommer hatte ich die wirklich tolle Möglichkeit, auf dem Gelände der Universität Stanford direkt in der Bay Area leben, erkunden und forschen zu können. Vom April bis September war ich so auf einem der, wenn nicht dem, schönsten Universitätscampus Nordamerikas. Dabei hatte ich ein eigenes Auto (liebevoll „AIDA“ genannt), ein Studio im Escondido Village und zehntausende kleinere Ausflüge und Touren rund um den Campus mit (neuen) Freunden, Kommilitonen und Forschungskollegen. Ich will mit diesem Blog-Artikel mehr oder minder chronologisch versuchen, den Sommer revue passieren zu lassen und einen Einblick in die doch sehr andere Lebenswelt rund 10.000 Kilometer entfernt meiner Heimatstadt Hamburg geben zu können.
Eine kurze Vorgeschichte
Seitdem ich im September 2019 einmal im Rahmen meines ersten Besuchs in den Vereinigten Staaten auch den Stanford-Campus für rund zwei Stunden rein als Tourist besucht habe, hatte ich die Universität im Hinterkopf. 2022 war ich dann beim Transatlantic Summit spontan auf dem Campus, dabei war die Idee, längere Zeit auf dem Campus zu verbringen, so abwegig, dass ich nie auch nur darüber dachte, mich für ein Programm oder gar ein Studium in den USA zu bewerben. Dies änderte sich dann vergangenes Jahr im Sommer, als ich über die Github-Startseite und meinen Repo-Algorithmus auf das Projekt Stanford Spezi aufmerksam wurde. Ich war besonders an dem Projekt Engage-HF interessiert, da ich mich letzten Sommer noch vor meiner Alpquerung auf dem L1 mit dem Apple Core Bluetooth framework beschäftigte, um einige meiner kleinen Projekte per Bluetooth LE mit meinem iPhone sprechen zu lassen. Dabei war auch eine Bluetooth-Fähige Waage, welche zufällig im Rahmen des Projektes Engage-HF auch im Spezi-Ökosystem zum Datenaustausch werden sollte.
Ich machte einen kleinen Pull-Request und kam in einem E-Mail-Thread mit dem Forschungsleiter des Projektes in einen regen E-Mail-Austausch.
Da die Forschungsgruppe perspektivisch mehr Kapazitäten brauchte, um das stetig wachsende Ökosystem rund um Spezi und damit verbundene Studien- und Patientenarbeiten zu unterstützen, kam die Idee auf, dass ich als Visiting Research Student in der Forschungsgruppe anfangen könnte, um das Team direkt in Stanford zu unterstützen. Nach etwas hin und her ergab sich, dass zwar der VSR-Weg als Bachelor-Student schwierig sein würde, aber das wenig bekannte Programm UVRI explizit und sogar erheblich günstiger eine Mitarbeit in Stanford Biodesign Digital Health, also der Forschungsgruppe hinter Spezi, möglich wäre.
Mit dieser Idee begannen wir im Dezember 2024, die Formalien für das UVRI-Programm nach und nach zu erfüllen.
Schließlich hatte ich am 15.04.2025 meinen Termin im US-Generalkonsulat in Frankfurt zur Beantragung meines J1-Visas. Hier bin ich mit dem DS-2019 und DS-7002-Formular und (wichtig) dem Beleg für die Zahlung der SEVIS-Gebühr erschienen. Der Termin dauerte etwa 90 Minuten.
Kleiner Tipp: Man kann tatsächlich sein Smartphone im Eingang abgeben und muss dieses nicht bei sich zuhause zurück lassen, wie das in der Mail mit der Terminbestätigung mitgeteilt wird. Dann muss man sich nicht wie ich die Route zum Generalkonsulat ausdrucken und mit einer analogen Karte versuchen, den Eingang zu finden.
Mein Visum erhielt ich in der kommenden Woche zugesendet und verließ rund weitere drei Wochen später Deutschland mit einem kurzen Umweg über Japan zur Weltausstellung auf dem Weg nach Kalifornien.
Meine Zimmer in Hamburg gab ich für die Zeit auf, über supost fand ich von Sergio, einem PhD-Studenten für etwa 2000 US-Dollar pro Monat ein Studio-Apartment in den EVGR Studios direkt auf dem Stanford-Campus.

Ankommen in Stanford
Da ich an einem Samstag ankam, konnte ich das Wochenende nutzen, um mich etwas vertraut mit der Umgebung und dem Auto zu machen. Der erste Ausflug führe so direkt zu Walmart, wo ich einige Basics wie Wasser und ein wenig Obst einkaufte.

Nach dem obligatorischen Walmart-Besuch stand für mich ein weiterer Besuch ganz oben auf der Prioritäten-Liste: Einen double-double bei In-n-out zu essen, der Kultburgerkette und meinem absoluten Lieblings-Fastfoodladen.








Schnell nach dem ankommen lebte ich mich bei wirklich hervorragendem Wetter und einem spannenden Projekt schnell ein und es begann sich vieles direkt nach Alltag anzufühlen. Insbesondere nachdem ich in der zweiten Woche meines Research-Stays dann endlich auch mein Studio im Escondido Village beziehen konnte und so nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad ins Lab fahren konnte, fühlte ich mich endgültig wie angekommen und so, als hätte ich schon immer auf dem Campus gelebt.
Die erste Woche bestand dazu noch aus einigen Sicherheitsunterweisungen und Introduction-Meetings, dem Setup der Stanford-Dienste inkl. dem Stanford Profile und dem “Hallo”-Sagen in verschiedenen Forschungsgruppentreffen.
Meine Arbeit auf dem Campus
Stanford Spezi
Spezi, in Süddeutschland und Österreich auch ein Begriff für Freund/Kumpel, ist ein Framework zur Entwicklung von Apps für klinische Studien, die den FHIR-Datenaustausch-Standard nutzen. Dieser Standard ist in den USA inzwischen breit etabliert, in Deutschland wird er gerade immer mehr zum Trend. Spezi beschreibt sich selbst als “Open-source framework for rapid development of modern, interoperable digital health applications”. Spezi wird seit 2022 entwickelt.
Im Endeffekt ist Spezi also eine Sammlung von Software-Komponenten (circa 30 Stück), mit denen sich Apps statt in Monaten in wenigen Tagen entwickeln lassen. Module von Spezi sind zum Beispiel Spezi Account, Spezi Bluetooth oder auch Spezi Views und Spezi LLM. Dazu gibt es auch, und dort war ich primär mit beschäftigt, mit SpeziFirebase Ressourcen für eine Backend-Infrastur für die mit Spezi entwickelten Apps, aufbauend auf Google Firebase.
My Heart Counts
Seitdem läuft die Studie, hat einige Publikationen mitsich gebracht. Es wurde aber immer deutlicher über die Zeit, dass eine neue Version auf dem aktuellen technischen Stand der Studie kommen müsste. So wurde Anfang 2025 mit der Version 2 der App begonnen, und ich bekam die Aufgabe, das Backend für die App zu schreiben.
Und genau das mache ich seit Februar 2025!
Studentenleben in Stanford
Auf dem 8180 Hektar großen Universitätsgelände gibt es einiges zu tun, und das fängt schon bei den Uniangeboten an: Mehrere Dininghalls haben Montags bis Freitags drei Mahlzeiten als Buffet, ein Essen kostet hier rund 10-13 US-Dollar als Student. Die größte Auswahl hat meist die Arrilaga Family Dining Hall, hier gibt es auch ein großen Bruch am Wochenende mit Essensauswahl von Eiern über Waffeln bis zu Tacos und Steak. Die schönste Mensa ist für mich ganz klar das Lakeside Dining bei den undergraduate Resendencies, hier fühlt man sich einfach wie bei einem Kurzurlaub in Italien. Mit dem Studentenausweis kann man zum Buffet zugang bekommen, dabei ist es auch möglich, externe Gäste mit weiteren Abbuchungen mitzunehmen. Bei den Mensen war ich aber nur einmal in der Woche, besonders weil im Hochsommer dann nur noch die Arrillaga Dining Hall offen hatte.
Häufiger war ich dagegen mit meinen Kollegen bei Greenfish Nexus (eine Kantine im Clark-Center mit privatem Betreiber und wirklich hervorragenden Quesadillas) oder dem Asian-Fusion-Restaurant “Blend” (mein Tipp: 50/50 Pork-Beef Fried-Rice Box mit allem Gemüse und fried onions) anzutreffen.
Hier eine Liste der Dinge, die ich jedem Studi und Langzeitbesucher in Stanford auf die To-Do-Liste setzen würde:
- Fountain-Hopping (Tradition auf dem Campus!)
- SLAC-Tour (Anmeldung immer knapp einen Monat vorher, Tickets sind schnell weg!)
- Verschiedene Stammtische unterschiedlicher Nationen (Italien, Deutschland, China, …) besuchen
- Football-Spiel sehen & die Regeln verstehen
- Sportangebote mitnehmen (Kletterwand, Tennis, Swimming Pool)
- Das Treehouse bei der Tresidder Union mit weiteren Studis besuchen, eine kleine Kneipe mit Sport-Liveübertragungen
- Streng genommen nicht auf dem Campus, aber: Stanford Theatre
Reisen
In den paar Monaten habe ich einige kurze Reisen und eine Konferenzreise mit etwas Urlaub verbunden. Hier der Bericht der Reisen.
Hawaii















Vancouver
Las Vegas – Yellowstone
Meine längste Reise und eine Art Sommerurlaub machte ich mit meiner AIDA mit einem zweiwöchigen Roadtrip über Los Angeles, Las Vegas, Salt Lake City und bis in den Yellowstone Nationalpark:
Boston
Für ein Wochenende im August besuchte ich einen Freund in Boston, welcher mir die Stadt zeigte und die Harvard-Universität, an der er im Bachelor studiert, etwas näher bringen konnte. Der Unterschied zwischen der Ost- und der Westküste ist mir bei dem Besuch einmal mehr aufgefallen: In Kalifornien ist das Auto nahezu nicht zu ersetzen, in Massachusetts/Boston ist fast schon wie in Deutschen Großstädten ein Auto fast immer langsamer als die Öffis. Zumal sollen dem Vorurteil nach Autofahrer aus Boston zu den schlimmsten Fahrern der Nation gehören, also wurde das Wochenende ausschließlich zur Fortbewegung die U-Bahn genutzt.
In Boston waren meine Highlights das Hotpot Essen, das tüffeln entlang der Wasserflächen und der Harvard-Campus.
Tagesausflug Colorado
Rund um den Campus
Auch um den Campus herum gibt es im Silicon Valley viel zu entdecken: Direkt auf der anderen Seite der BART-Zugstrecke findet man in Palo Alto nicht nur zahlreiche Startups, sondern auch tolle Restaurants (Zareen’s Palo Alto, Pizzeria Delfina, Meyhouse, Cafe Venetia) und schöne Parks (Shoreline Park, die Dish-Area). Einen schönen Blick auf die Landebahnen von SFO hat man vom San Francisco Airport Marriott Waterfront Hotel aus.
Obligatorischer Politik-Absatz
Relativ sicher bin ich mir derweil, dass ich keinen Beitrag über Leben in den USA schreiben kann, ohne zumindest etwas zur Politik in diesem riesigen, diversen Land zu schreiben. Vorab sei festgehalten, dass Stanford in Kalifornien in wohl einem der progressivsten Teile des Landes liegt, auch wenn das Silicon Valley ansich seit Jahren einen deutlichen Rechtsruck mit Peter Thiel, Musk und Konsorten erfährt. Jedes mal, wenn ich von Freunden und Verwandten nach meiner Einschätzung zur Politik gefragt wurde, war die Antwort relativ ähnlich: man bekommt schlicht nichts politisch kaum bis nichts mit, insbesondere von der Politik aus dem weitentfernen Washington. Wenn ich was über US-Politik mitbekommen habe, dann war es rein über deutsche Leitmedien – etwas schade, aber die USA ist aus meiner Sicht ansich nur zu Wahlen richtig politisch. Sonst werden Themen wie Handels- und Sicherheitspolitik weitestgehend übersprungen.
Darüber hinaus hatte ich in z.B. Texas oder Florida hatte ich deutlich mehr das Gefühl, auf dem Land fernab der Großstädte mit teils sehr polarisierten Meinungen (-> Bumper Stickers, Schilder) der Bewohner in den Kontakt zu kommen.
Ich finde es auch unglaublich bedauerswert was aktuell in der US-Politik passiert, allerdings würde ich dafür Werben, nicht von der Politik auf das Verhalten von Menschen oder dem Umgang untereinander direkt zu schließen. Die Leute, die 2024 unter demokratischer Präsidentschaft schon unfreundlich waren, sind das auch weiterhin und umgekehrt.
Stanford ist auch unter der aktuellen Politik-Fahne eine wirklich tolle Erfahrung mit super freundlichen Menschen, unglaublichen Möglichkeiten in der Forschung und einem diversen und modernen Campus. Was in Washington passiert ist dort am Pazifik so weit weg, solang man einreisen kann (was bei mir ohne Probleme und schneller den jeh ging) ist eine grandiose Zeit garantiert. Und die Forschung die von dort publiziert wird, ist weiterhin international hochrelevant.
Danke
Es gibt vielen Personen, denen ich für die überhaupt gegebene Möglichkeit und die einmalige Zeit in Stanford danken will: Allen voran Paul und Felix, natürlich auch Lisa, Oliver, Vishnu, Aydin, Paul K., Lukas, Arek, Leon, Carolyn, Antje, Linda, Jill, Peng, Patick und Josh.
Abschließend halte ich fest: es gab sicherlich noch nie eine Zeit in meinem Leben, die mich in so kurzer Zeit so sehr geprägt hat. Und der Spruch “Stanford is 13 square miles surrounded by reality” stimmt wohl tatsächlich. Will be back, Bay Area!


