Fast jeden Tag konnte ich bisher ausschlafen. Nach dem vielen Fahrradfahen am Tag davor war das sicher auch nötig, doch dieses Privileg mit Schlafen bis 09:00 Uhr oder 10:00 Uhr hatte ich an diesem siebten Tag der Radreise nicht.

Es ist 3:10 Uhr, ich wache auf. Eigentlich war mein Wecker auf 3:30 Uhr gestellt, aber wegen dem sehr lauten Schnarchen eines Mitschläfers in meinem Zimmer sowie der Anspannung auf die kommende Radstrecke war ich schon vor dem Wecker wach.

Schnell packte ich die paar Sachen von mir im Zimmer zusammen und holte aus der Küche einen kalten Kaffe sowie etwas Wegzehrung. Danach brachte ich mein bereits vorbereitetes Fahrrad raus auf die Straße, wurf den Schlüssel des Hostels in den dafür vorgesehenen Briefkasten zum auschecken und bereitete die Navigation nach Berlin vor.

251 Kilometer, 12 Stunden, 57 Minuten.

Mit dieser Rechnung von Google Maps starte ich um 03:25 Uhr das Fahrradtraining auf meiner Uhr. Ich hatte die volle Fahrradmonur an, aber noch mit einer weiteren Jacke “obendrauf”, die Nächte waren doch noch kühl. Alle Geräteakkus waren komplett geladen, um den Akku meiner Uhr machte ich mir am meisten Sorgen in Anbetracht der kommenden Tour – ich hatte aber Powerbanks griffbereit, um bei kurzen Stopps den Akku zu laden.

Also los. Aus dem Rostocker Industriegebiet ging es durch die menschenleere Stadt, in der ich weder ein Auto noch einen anderen Verkehrsteilnehmer sah, raus aufs Land.

Ein toller Nachthimmel zeigte sich, als ich die ersten Kilometer nach Berlin über unbeleuchtete Streckenabschnitte bis nach Niendorf fuhr.

Dort blieb ich das erste mal für diesen Tag unweigerlich stehen, da der Radweg abrupt und ohne ersichtlichen Grund in einer Wiese endete. Also schub ich das Fahrrad über den kleinen Erdhügel, der die Wiese von der daneben verlaufenden Landstraße trennte. Auf dieser Landstraße fuhr ich die nächsten Kilometer über Benitz nach Schwaan, von dort weiter nach Güstrow.

Im Primerwald, kurz vor der Unterqueerung der A19, konnte ich etwas Frühstücken. Danach schwang mich jedoch direkt wieder aufs Fahrrad, um in den frühen Morgenstunden noch weiter gut Stecke zu fahren.

Der Übersicht zuliebe alle Bilder der Tour bis zum Sonnenaufgang in einem Karussell:

Kurz nachdem ich den Tweet über die gute Befahrbarkeit der ersten 50 Kilometer verfasste, kam es wie es kommen musste: Ich verufuhr mich in Langhagen.

Google Maps schickte mich, wie ich später feststellte, über einen Teilbereich des Betriebsgeländes von dem örtlichen Ableger Heidelberg Cements, auf dem dann plötzlich der Weg vor einer Bahnschiene verendete. Also wieder umkehren, die letzen 1,5 Kilometer zurückfahren und eine alternative Strecke finden.

Meine ausgesuchte Route um das Betriebsgelände herum auf einem offiziellen Radweg, welcher sich jedoch in einem sehr schlechten Zustand befand, führe durch ein Waldstück, in dem ich durch eine wegbreite Pfütze fahren musste. Diese unterschätze ich jedoch komplett in ihrer Tiefe, sodass meine Fahrradtaschen eine gratis Unterbodenwäsche bekamen, meine Gangschaltung für die restliche Tour leicht schliff und Geräusche machte (direkt nach dem durchfahren der Pfütze konnte ich auch nicht mehr korrekt schalten, dies erledigte sich zum Glück recht schnell).

Nach dieser Überraschung führte mich mein Weg durch viele Waldstücke, jedoch auf guten Fahrradwegen immer weiter weg vom Meer, welches ich noch in der Dunkelheit verlassen hatte.

Gegen 10:00 Uhr war ich glücklich, an dem ersten großen Checkpoint der Tour angekommen zu sein: Waren, ein Erholungsort vom Feinsten, bat mir die Möglichkeit, einmal nach 106 Kilometern auf dem Fahrrad durchzuatmen und die schöne Sicht zu genießen, bevor es abermals weiter ging:

Nach diesem wichtigen Punkt auf der Route (auch weil ich innerhalb von Waren die 100 km-Marke knackte) fuhr ich durch einen Fußtrampelweg entlang, bis ich für den Ausblick bei der Aussichtsplattform “Kuhtränke” anhielt, um einen Blick über den Feisnecksee zu bekommen. Auf dieser Plattform war zeitgleich eine Gruppe Rentner gestoppt, die sich an diesem Tag auf einer Wanderung befanden. Ich kam mit der Gruppe in das Gespräch und erzählte den interessierten älteren Herren über meine Fahrradreise und meine Pläne, an diesem Tag noch bis nach Berlin zu fahren. Diese wollten mich daraufhin noch zum Essen einladen, dieses Angebot lehnte ich dankend ab. Ich freute mich insgeheim aber total, das diese älteren Herrschaften so freundlich, interessiert und respektvoll waren.

Die nächsten Streckenkilometer verliefen dann wieder unspektakulärer, für mich war ein kleines Highlight aber noch das Passieren des Flugplatzes Müritz Airpark: Auf diesem Gelände findet jährlich (wenn nicht COVID die Durchführung verhindert) ein Festival mit dem Namen “Fusion” statt, welches mir immer wieder empfohlen wird. Vielleicht klappt es ja 2022, auch diese Erfahrung einmal zu bekommen. Jetzt weiß ich zumindest, zu welchem Ort ich müsste. Um dieses Gelände vollständig zu sehen, nahm ich einen weiteren unbefestigten Waldweg, welcher aber dankenswerter Weise wieder in einem größeren, befestigten Weg mündete. Ich sparte sogar durch diese Routenabweichung ein wenig Zeit.

Kurz nach dem Airpark stand auf der Uhr, welche die Route trackte, vom Sichtpunkt der Kilometeranzahl der nächste Erfolg angezeigt: Ich passierte die 126 km-Marke, die (erhofte) Hälte meiner Tour.

Softwarefehler, Hitzeprobleme und ein Mittagessen

Nach dem Besuch auf des Fusion-Geländes fuhr ich weiter in Richtung Mirow, wo nach 143,5 Kilometern Strecke und 9 Stunden Fahrzeit etwas sehr interessantes passierte: Erstens ass ich in einem türkischen Imbiss einen Kebab, füllte meine Flaschen auf und kühlte mich ab, vor allem aber wurde die Trainingsapp auf meiner Uhr instabil. Als ich diese Instabilität erstmals beobachtete, ging ich erstmal von einem heruntergetakteten Uhr-Prozessor aus, der mit der Hitze und der Belastung durch das dauerhafte Mitschneiden der Strecke nicht zurecht kommt; doch lies ich nach Mirow das Training erstmal weiter laufen, da die Strecke und Zeit ganz normal weiterzählte. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass exakt bei Kilometer 143,5 die GPS-Aufzeichnung vorerst endete.

Zunächst ging es aber gestärkt, wenn auch etwas fertig von dem ganzen Radfahren, insbesondere vom Wetter und der Sonne, welche an diesem Donnerstag ganz besonders stark scheinen wollte, weiter.

Den nächsten Meilenstein überfuhr ich in Prebelow, einer kleiner Streusiedlung am großen Prebelowsee: Die Grenze von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Raus aus Mecklenburg-Vorpommern, rein nach Brandenburg.

Als ich dann 20 Kilometer weiter, in dem kleinen Ort Schulzendorf, die Uhr und damit die Trainingsaufzeichnung überhaupt nicht mehr zum Reagieren bringen konnte, startete ich das Training neu – damit wurde weiter die Tour, insbesondere aber auch wieder die Strecke aufgezeichnet. In dem selben Ort kaufte ich beim Bäcker noch ein kleines süßes Teil sowie Wasser – leider konnte ich nicht meine Flaschen auffüllen, sodass ich nach freundlichem Fragen bei einer jungen Familie Wasser abfüllen durfte.

Die Strecke bis Oranienburg wurde für mich zur Tortur, denn weiterhin enorme Temperaturen ließen schnell meinen Wasservorrat schwinden, zudem wurde ich zunehmend Erschöpfter und Erschöpfter. Allen voran wurde ich bei Lindow (Mark) von Google Maps für mehr als fünf Kilometer queer durch den Wald geschickt – 34 Minuten Tortur auf Sandboden, durch Gebüsch und Gestrüpp, arbeiteten wirklich an der Motivation – als ich endlich wieder richtig fahren konnte, waren bis zum Ziel weiter 70 Kilometer zu fahren, und diese ohne Pedalhaken auf der rechten Seite – jener war auf der Waldstrecke gerissen. Ich versuchte noch, in Löwenberg, einem kleineren Ort in der Mark, diese bei einem kleinen Fahrradgeschäft (mit sehr herzlichem Inhaber Peter Block, der mir gegen eine kleine Spende zumindest einen Lappen zum groben Reinigen der durch die Waldfahrt stark in Mitleidenschaft gezogene Kette und Kettenöl gab) zu ersetzen. In Löwenberg war ich zusätzlich noch in einem Supermarkt (Aldi Nord, für mich als Süd-Fraktion immer eine echte Umstellung in Sortierung und Sortiment) und kaufte Getränke, insbesondere Isotonische, ein.

Weiter nach Oranienburg fuhr es sich gut, da ich nur noch offizieller Beschilderung und einem richtigen Fahrradweg folgte: Die größere Strecke machte sich durch höhere Geschwindigkeiten und mehr Spaß beim Fahren positiv bei meiner Motivation bemerkbar.

Trotzdem dachte ich in Oranienburg für einen Augenblick darüber nach, doch mit der S-Bahn bis nach Berlin zu fahren, denn ich war inzwischen sehr erschöpft und weitere 32 Kilometer durch größtenteils Stadt waren kein riesen Punkt, auf den man sich freuen konnte. Doch nichts da! Diese Tour wird jetzt hinter sich gebracht.

Die Zielgerade

Um 19:30 Uhr überfuhr ich schließlich die Grenze nach Berlin. Nach Durchfahren des Waldgeländes Frohnau konnte ich endlich das auf der Strecke langersehnte Berlin erleben: Die Bundeshauptstadt, übersäht mit Wahlplakaten zur Bundestagswahl und großen Straßen, aber auch erstaunlich vielen Radspuren und Parkwegen, welche sich angenehm fahen ließen, glänzte mit all ihrem Kontrast zwischen Moderne und Vergangenheit, Schönheit und Unübersichtlichkeit und doch Vertrautheit.

Mit einer kurzen Nachricht kündigte ich mich bei dem Freund an, mit dem ich noch Essen gehen wollte, dass ich schon bald da wäre.

Entlang der Ringbahn führten die letzten Kilometer mich auf vollen Straßen rund um das Zentrum, in dem ich die Nacht verbringen wollte. In Friedrichshain bog ich dann in Richtung meiner Unterkunft für die Nacht ein, glücklich, die Tour geschafft zu haben.

So erreichte ich um 21:00 Uhr nach insgesamt 1,5 Stunden fahren im Berliner Stadtbezirk dann tatsächlich Stayery, meiner Unterkunft in Berlin.

Meine Tour an diesem Tag war eine Strecke von 264,55 Kilometer in 15 Stunden, 11 Minuten und 52 Sekunden – und damit einem Durchschnittstempo von 17,63 km/h. Dabei habe ich 960 Höhenmeter überwunden, insgesamt 6.969 KCal verbrannt und 17 Stunden 25 Minuten Unterwegs verbracht.

Nachdem ich mein Fahrrad verstaut hatte, ging ich noch Asiatisch Essen und auf die Tour anstoßen – danach genoss ich eine wohlverdiente Dusche und schlief schnell ein, wohl wissend, dass am nächsten Tag es gleich wieder weiter gehen würde, für eine letzten Streckenabschnitt in die Lausitz.